Rückblick zur 32. DGZ-Jahrestagung gemeinsam mit der DGKiZ und der AG ZMB | 27. - 29.09.2018 | Dortmund

 

„Kinderzahnheilkunde meets Zahnerhaltung – Endodontie und Traumatologie interdisziplinär“ – unter diesem Motto stand die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) mit der Deutschen Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM) und der Deutschen Gesellschaft für Restaurative und Regenerative Zahnerhaltung (DGR²Z) zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und der noch jungen Arbeitsgemeinschaft Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (AG ZMB). Besonders im Hinblick darauf, dass die deutsche Leitlinie „Therapie des dentalen Traumas bleibender Zähne“ in Kürze überarbeitet wird, wurden besonders die Themenfelder Endodontie und Traumatologie mit hochrangigen nationalen und internationalen Referenten beleuchtet. Ihre wertvollen und teils neuen Sichtweisen sollen in die Überarbeitung dieser wichtigen Leitlinie einfließen.

Ergänzt und bereichert wurde das Programm durch weitere Angebote der beteiligten Fachgesellschaften, die von Hinweisen zur Behandlung von Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf bis hin zum Stand bei der Therapie von Caries profunda reichten.

Das Konzept traf auf hohe Resonanz: Über 450 Fachbesucher kamen während der dreitägigen Veranstaltung in das Kongresszentrum der renommierten Westfalenhallen Dortmund. Die extravagante Location THE VIEW hoch über den Dächern der Westfalenmetropole für das begleitende Unterhaltungsprogramm kam ebenfalls sehr gut an.

 

 

 

 

Downloads


Programmflyer DGZ-Tag der Wissenschaft/Universitäten

Programmflyer Hauptkongress

Abstracs der Kurzvorträge und Poster (DZZ)

 

 

 

Bildergalerien



Vorkongress ...


Hauptkongress ...


Preisvergaben und Ehrungen ...

 

Kongressbericht


Vorkongress: DGZ-Tag der Wissenschaft/Universitäten und DGKiZ-Seminar

Den Nachwuchs im Fokus: DGZ Tag der Wissenschaft / Universitäten

Mittlerweile als festes Format innerhalb der DGZ-Jahrestagungen etabliert, fand der 4. DGZ Tag der Wissenschaft / Universitäten am Vortag zum Hauptkongress statt. Nach einleitenden Impulsvorträgen zu materialwissenschaftlichen Aspekten von Prof. Dr. Bart van Meerbeek (Leuven/Belgien) und Prof. Dr. Roland Frankenberger (Marburg) präsentierte der wissenschaftliche Nachwuchs aus deutschen Universitäten seine Forschungsbeiträge zur Zahnerhaltung. In drei Kurzvortragsblöcken zeigte sich eine große Vielfalt: Die Forschungsthemen reichten von der Effizienz verschiedener Spülmedien im Einsatz über die Toxizität von Bleachingpräparaten bis hin zum Einfluss des oralen Biofilms auf die Interaktion von Fluoriden mit dem Zahnschmelz.

MIH - ein aktuell intensiv diskutiertes Thema im DGKiZ-Seminar

Das DGKiZ-Seminar hatte mit der Molaren-Inzisiven Hypomineralisation (MIH) ein aktuell intensiv diskutiertes Thema im Fokus. Die beiden Referenten Prof. Dr. Katrin Bekes (Wien) und Prof. Dr. Jan Kühnisch (München) beleuchteten das Thema insbesondere im Hinblick auf Behandlungsoptionen und Therapieempfehlungen.

Hauptprogramm an Tag 1: im Zeichen der Endodontologie

Überwiegend im Zeichen der Endodontologie stand das abwechslungsreiche Hauptprogramm am ersten Kongresstag. Zum Auftakt befassten sich zwei Top-Referenten mit dem Thema Pulpaamputation. Dr. Richard Steffen (Zürich) konzentrierte sich zunächst auf die Milchzähne (1. Dentition). Er kam zum Schluss, dass sich diese nicht grundsätzlich unterscheiden von bleibenden Zähnen, was die Behandlung und einsetzbare Materialien bei einer Amputation angeht. Dr. Hani Nazzal (Qatar) legte seinen Vortragsschwerpunkt auf die bleibenden Zähne. Eines seiner Ergebnisse: Bei freigelegter Pulpa ist bei Zahntrauma die partielle Pulpotomie die Methode der Wahl. Zähne mit unvollendetem Wurzelwachstum hätten hier eine signifikant bessere Prognose als solche mit abgeschlossenem Wurzelwachstum.

Um regenerative Endodontologie ging es im nachfolgenden Vortragsblock – sowohl was neue Entwicklungen als auch klinische Empfehlungen angeht. Laut Prof. Dr. Monty Duggal (Singapur), der lange an der renommierten Abteilung für Kinderzahnheilkunde der Universität Leeds lehrte, seien für eine individuelle Therapieoption bei Traumapatienten vor allem das Frakturniveau und der Reifegrad entscheidend. Restaurative Optionen nach endodontischen Maßnahmen standen beim anschließenden Vortragsblock im Fokus. Prof. Dr. Katrin Bekes (Wien) befasste sich zunächst mit den Milchzähnen: Wie bei bleibenden Zähnen auch sei hier eine dichte, mechanisch dauerhafte Restauration wichtig; gute Prognosen hätten Stahlkronen und adhäsive Kompositfüllungen.

Privatdozentin Dr. Kerstin Bitter (Berlin) konzentrierte sich dann auf die bleibenden Zähne. Weil bei diesen durch Substanzverlust häufig Frakturen nach endodontischer Behandlung auftreten, seien substanzschonende Restaurationen angezeigt, in Form von Höckerüberkappung oder als Endokrone im Seitenzahnbereich.

Spezielle Therapiekonzepte für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf und für gesundheitlich eingeschränkte Kinder und Jugendliche wurden bei den letzten beiden Vorträgen des ersten Hauptkongresstages behandelt. So legte Privatdozentin Dr. Katharina Bücher (München) dar, dass Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf häufig eine signifikant schlechtere Mundgesundheit haben und vor invasiven Maßnahmen die Betreuungspersonen daher meist umfassend instruiert werden müssten, etwa mit einem Hygieneplan.

Tag 2 des Hauptprogramms: Schwerpunkt Traumatologie

Der zweite Tag des Hauptprogramms widmete sich dem Schwerpunkt Traumatologie. Dr. Hubertus van Waes (Zürich) startete in seinem Vortrag mit Notfallmaßnahmen in der 1. und 2. Dentition und ging anschließend auf Zahnverletzungen in der 1. Dentition ein. Er wies auf das Problem hin, dass eine endodontische Behandlung nie ausschließlich auf Vitalitätstests gestützt werden sollte, da diese nicht zuverlässig genug seien. Dies gelte sowohl für Kältetests als auch für aufwändigere Methoden wie die Laser-Doppler-Durchblutungsmessung. Auf diese Problematik wies auch Prof. Dr. Monty Duggal (Singapur) in seinem folgenden Vortrag „Some periodontal/lucation injuries in permanent dentition“ hin. Auf dento-alveoläre Verletzungen in der bleibenden Dentition ging anschließend Prof. Dr. Karl Andreas Schlegel (München) ein.

Welche Komplikationen sich durch zerstörte Zähne nach Trauma ergeben können und wie Restaurationen hier aussehen – damit befasste sich der Vortragsblock, den Prof. Dr. Gabriel Krastl (Würzburg) und Dr. N. Lygidakis (Athen) untereinander aufteilten. Zum Abschluss stand noch ein spannendes und hochaktuelles Thema auf der Agenda: „Good news, bad news, fake news – Kariesprävention im Spannungsfeld zwischen Marketing und Wissenschaft“. Prof. Dr. Elmar Hellwig (Freiburg) zeigte hier an verschiedenen Beispielen, wie wissenschaftlich fundierte „good news“ aussehen, aber auch wie vorgetäuschte Fakten Teil von Marketingstrategien sein können.

Programm der AG ZMB

Menschen mit Behinderungen und besonderem Unterstützungsbedarf werden von der AG ZMB vertreten, die sich am Kongress um die Besonderheiten bei der Behandlung von Menschen mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum kümmerte. Prof. Dr. Oliver Fricke (Witten) informierte zunächst über die Grundlagen des Autismus, eine Entwicklungsstörung, die in vielfältigen Formen auftritt und nicht heilbar ist. Danach widmete sich Dr. Wendy Bellis (London) der Behandlung von autistischen Kindern sowohl in der Zahnarztpraxis als auch in der häuslichen Pflege. Von erheblicher Relevanz ist aus ihrer Sicht die Erkennung der sensorischen Probleme der Betroffenen, die spezielle Bewältigungsstrategien erfordern. Besonders eindrucksvoll war der anschließende Erfahrungsbericht einer vom Autismus-Spektrum betroffenen Person. Im letzten Vortrag widmete sich Prof. Dr. Jochen Jackowski aus Witten der Rolle von seltenen Erkrankungen in der Zahnmedizin. Ein großer Teil von genetisch bedingten Syndromen gehen mit Beteiligung des Zahn-, Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereiches einher und sind somit für die Zahnmedizin bedeutend im Hinblick auf Diagnostik und Therapie.

Symposien der DGPZM und DGR²Z

Im Symposium der DGPZM ging es ebenfalls um eine Patientengruppe mit besonderem Unterstützungsbedarf, nämlich um Senioren und Pflegebedürftige, auf die aufgrund geringerer Mobilität und abnehmender Eigenverantwortung im Hinblick auf die zahnärztliche Prävention ein besonderes Augenmerk gelegt werden muss. Dr. Guido Elsäßer, niedergelassener Zahnarzt in Kernen-Stetten informierte unter anderem über die gesetzlichen Rahmenbedingen für individualprophylaktischen Leistungen bei Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderungen. Im anschließenden Vortrag von Dr. Volkmar Göbel aus Gössenheim ging es um praktische Fragestellungen bei der Behandlung von Menschen, die nicht mehr mobil sind. Er stellte anhand seines Konzeptes „Mobile Alterszahnheilkunde“ eindrucksvoll dar, wie ein Zugang zur häuslichen und stationären Pflege möglich ist.

Bereits am Vortag widmete sich die DGPZM einem ganz anderen Thema: den Probiotika in der zahnärztlichen Prävention. Hintergrund ist der Nachweis probiotischer Mikroorganismen auf die parodontal- und kariespräventive Wirkung in mehreren klinischen Studien. Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf aus Würzburg berichtete in seinem Vortrag über den Einfluss der probiotischen Therapie auf die gingivale Entzündung, die Anzahl pathogener Mikroorganismus und den Plaque-Index und zeigte die Konsequenzen für aktuelle Präventionskonzepte in der täglichen Praxis auf.

Die DGR²Z hatte nach der Darstellung der im Rahmen der DGR²Z-Forschungsfonds geförderten Studien zunächst die restaurative Versorgung komplexer nicht-kariöser Defekte im Blick, die durch Hypoplasien, Erosionen und Bruxismus drohen und den Behandler nicht selten vor eine komplexe Ausgangssituation stellen können. Dr. Sebastian Soliman aus Würzburg gab in seinem Vortrag Hilfestellung zur Therapieplanung bei umfangreichen Substanzverlusten, von denen nicht selten bereits junge Menschen betroffen sind. Hier ist meist ein Kompromiss zwischen Langlebigkeit und dem Ausmaß der Invasität im Hinblick auf zukünftige Restaurationen erforderlich.

Eine Orientierung über die Vielzahl von Adhäsivsystemen und Füllungsmaterialien und deren Verarbeitung gab Prof. Dr. Rainer Haak (Leipzig) in seinem Vortrag. Anhand der aktuellen Literatur arbeitete der Referent Empfehlungen zum Umgang mit Adhäsivsystemen unter Berücksichtigung bei permanenten und Milchzähnen heraus. Den neusten Stand bei der Therapie von Cries profunda vermittelte Prof. Dr. Wolfgang Buchalla (Regensburg). Dabei legte er einen Schwerpunkt auf die Frage, wie die Pulpa vital erhalten werden kann und verwies auf die Möglichkeiten der Kariesexkavation, aber auch auf die für die nachfolgende Restauration verwendeten Materialien.

Wissenschaftliche Seminare, Poster und Kurzvorträge sowie Veranstaltungen aus der Praxis für die Praxis

Im Seminar „Aus der Praxis für die Praxis“ der DGKiZ ging es abermals um das Thema Traumatologie. Prof. Dr. Monty Duggal (Singapur) und Dr. Hani Nazzal (Leeds) informierten über die Möglichkeiten und Grenzen der Zahnerhaltung nach einem Trauma. Hauptsächlich an junge Wissenschaftler richtete sich das Seminar „Präsentieren in der Wissenschaft“. Prof. Dr. Thomas Attin gab wertvolle Hinweise zur Optimierung von Vorträgen, Postern und Publikationen.

Spezialisten aus der Zahnerhaltung und aus der Kinderzahnheilkunde bestritten das Forum „Ask the experts“, in dem Fragestellungen besonders praxisnah aufbereitet wurden. Um Reparaturen als minimalinvasives Konzept ging es im Vortrag von Privatdozentin Dr. Anne-Katrin Lührs. Sie zeigte die Vorteile von Reparaturen gegenüber Neuanfertigungen auf und informierte über die unterschiedlichen Vorgehensweisen bei den interoral eingesetzten Restaurationsmaterialien. Auf die spezifischen Bedürfnisse von Patienten mit Behinderungen ging Dr. Peter Schmidt (Witten) ein. Er befasste sich unter anderem mit „Barrieren“, die den Umgang mit dieser Patientengruppe erschweren. Dr. Kerstin Aurin (Heidelberg) gab im dritten Vortrag des Forums einen Einblick in die Betreuung von Kindern mit seltenen Erkrankungen. Nach einem Überblick über die orale Manifestationen dieser Krankheitsbilder wie Nichtanlagen, Zahnform- und Strukturveränderungen legte sie einen Schwerpunkt auf Präventionsmaßnahmen und individuelle Therapiekonzepte.

Im Verlauf des gesamten Hauptkongresses erfolgte die Präsentation von wissenschaftlichen Postern und Kurzvorträgen aus den Fachbereichen Zahnerhaltung, Kinderzahnheilkunde und Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf, die einen Einblick in die aktuelle Forschung gaben.

Aktuelle Entwicklungen und diskussionswürdige Themen bei Industriesymposien

Gleich drei Industriesymposien folgten am ersten Hauptkongresstag aufeinander: DMG, Straight Dental und GC schufen Plattformen für spannende Vorträge. Im DMG-Symposium ging Prof. Dr. A. Rainer Jordan (Köln) zunächst darauf ein, wie sich die Karieserfahrung und ihr Behandlungsbedarf in Zukunft entwickelt. Er stellte dabei einen kontinuierlichen altersübergreifenden Rückgang der Karieserfahrung und auch der Zahnverlustrate fest. Daran anschließend zeigte Privatdozent Dr. Michael Wicht (Köln) auf, welche Maßnahmen für älterer Patienten im Hinblick auf die Ausstattung der Zahnarztpraxis und die Schulung des zahnmedizinischen Personals zum einen erforderlich werden, zum anderen aber auch, welche Krankheitsbilder bei dieser Patientengruppe in den Vordergrund rücken. Wie sich Auswirkungen sozialer Ungleichheit auch in der Mundgesundheit widerspiegeln diskutierte schließlich Privatdozent Dr. Falk Schwendicke (Berlin) im DMG-Symposium. Er hielt zudem einen weiteren Vortrag beim GC-Symposium: Unter dem Titel „Alles gelöst, nichts mehr Neues? Von wegen!“ machte er deutlich, dass die Zahnerhaltung zwar große Erfolge in den letzten Jahrzehnten erzielt, aber in Zukunft mit ganz neuen Herausforderungen umzugehen hat.